Referenzen – Öffentlichkeitsarbeit

Wissenschaftsjournalistische PR-Texte

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Leben hinter Glasscheiben

95 % seiner Zeit verbringt der moderne Hightech-Bürger in Kunstbiotopen. Gläserne Künstlichkeit begrenzt unsere alltägliche Umwelt. Viele Menschen fordern zwar artgerechte Tierhaltung, scheinen aber artgerechte Lebensweisen bei sich selbst kaum zu praktizieren und leiden folglich unter Stress und Anspannung oder flüchten gar in Drogen.

„Der Aufenthalt draußen in der freien Natur fördert das Wiedererstarken der Kräfte“, behauptet Dr. Rainer Brämer, Erziehungswissenschaftler an der Universität Marburg. Er geht psychologischen Prozessen nach, die mit dem Erleben von Landschaft und Natur verbunden sind, beleuchtet deren Vorder- wie Hintergründe: welche Bedeutung haben Erlebnisse in der Natur für heutige Kinder, Jugendliche und Erwachsene? Erleben wir womöglich bestimmte Landschaften als schön, weil unser Gattungserbe uns so programmiert hat?

Ein neuer Forschungszweig, der sich zunächst in den USA entwickelte, schlägt eine Brücke zwischen Landschaftsästhetik und Psychologie. Überraschenderweise bestehen bei Bewohnern von Industriestaaten recht einheitliche Vorstellungen darüber, was eine schöne Landschaft ausmacht: in ihr durchsetzen einzelne Bäume das wiesenartige, vielgestaltige Gelände, und wer hier wandert, dem eröffnen sich immer wieder neue Ansichten und Aussichten. Eine klare Gliederung aus Landschaftselementen wie Wäldern oder Seen kennzeichnet die Gegend, die aber auch weiche Grenzen aufweist, zum Beispiel Säume oder breite Uferzonen. Wasser darf in dieser Landschaft nicht fehlen und das Bodenrelief schwingt sanft und wellig. Kunstprodukte und Technik kommen in ihr nicht vor.

In dieser abwechslungsreichen Landschaft bieten sich potenziell zahlreiche Wasser- und Nahrungsquellen, und die Offenheit des Geländes gewährleistet Übersicht und schnelles Finden von Ressourcen. Eine derartige „überlebensfreundliche Landschaft“ besetzen auch Bewohner heutiger Industriestaaten noch instinktiv mit positiven Gefühlen. Nach Dr. Rainer Brämer reichen diese archaischen Impulse bis in unsere Freizeit- und Urlaubsgestaltung, zum Beispiel bei der Wahl des Ferienorts.

Die Zeitspanne von der Steinzeit bis heute ist für die Evolutionsgeschichte ein purer Augenblick – zu kurz, um Hormonsystem und Gefühlshaushalt an ein Leben in urbanen Betonwelten anzupassen. Deshalb, so Brämer, macht den Zivilisationsmenschen nur ein längerer Aufenthalt draußen geistig-seelisch gesund: in der direkten Begegnung mit der Natur entfalten sich stabilisierende, entspannende und beruhigende Effekte. Dies lässt sich nicht nur an einem geringeren Spiegel des Stresshormons Cortisol nachweisen, sondern auch am niedrigeren Blutdruck und dem Auftreten ruhigerer Hirnwellen. Ein längerer Aufenthalt in der Natur versetzt Menschen in eine anstrengungslose Aufmerksamkeit, fördert nicht nur realistische Wahrnehmungen, sondern auch die spontane Kreativität. Haben nicht alle großen Geister die Nähe der Natur geschätzt?

„In der Weite und Stille den Puls der Natur zu fühlen, zum Beispiel durch das therapeutische Wandern, kann weit wirksamer für das Wohl-befinden sein als sich in Sportstudios fit zu halten oder Psychopharmaka zu nehmen“, weiß Brämer. Für ihn haben die Erkenntnisse der Naturpsy-chologie weitreichende Konsequenzen, zum Beispiel für die Stadt- und Landschaftsplanung: Durchgrünte Städte tragen zur Stressentlastung bei, gut bepflanzte Einkaufszentren erhöhen nachweislich die Kauflaune. Zum anderen haben die Forschungsergebnisse Folgen für pädagogische Konzepte und reichen bis in die unmittelbare schulische Praxis. „Neben dem rezeptartigen Lernen wie bei der Mathematik müssen sich Kinder und Jugendliche auch komplexes Erfahrungswissen aneignen. Und dies geschieht beim Erleben von Natur am besten,“ behauptet Brämer. Für die Entwicklung einer gesunden Psyche liefert somit ein intensiver Kontakt zur Natur entscheidende Reize, die vielleicht noch wichtiger sind als Sozialkontakte.

Nach Umfragen der Universität Marburg unter Kindern und Jugendlichen jedoch gilt heutigen Medienkids Natur als langweilig. Die Meisten kennen Natur fast nur noch aus dem Fernsehen – ein Viertel der befragten Schüler der Klassenstufen 4-12 wusste zum Beispiel nicht, welche Farbe eine Buchecker oder blühender Raps hat. Und nur jeder zweite Jugendliche war in der Lage, ein eindrucksvolles Naturerlebnis zu beschreiben. Dieses erschreckende Fehlen von Naturerfahrung geht zugleich mit einem Effekt einher, den Dr. Brämer „Bambisierung“ nennt: Viele Schüler haben ein pauschales Bild von einer schönen, niedlichen und hilflosen Natur. Sie verurteilen jegliche Nutzung: wer Bäume fällt oder Tiere schlachtet, ist ein böser Mensch – nach Brämer ein schlimmer Wirklichkeitsverlust, ist doch auch der Stadtmensch auf die Nutzung von Natur angewiesen.

Jedem Menschen sollte das Recht auf Naturerfahrungs- und –erlebnisgebiete zustehen. „80 % der Jugendlichen fordern sogar ein Recht auf Natur“, fand Brämer in seinen Untersuchungen heraus. Kinder brauchen somit anders gestaltete Spielplätze: außer Rutschen und Schaukeln sollte ihnen auch eine von Löchern und Hügeln durchsetzte Spiel-Landschaft geboten werden, in der sie ihre eigenen Welten bauen können. Statt „jedes Kind ans Internet“ fordert Brämer „jedem Kind ein Stück Natur“.

Nach Dr. Rainer Brämer, der selber aktiv an der Konzeption von Wanderrouten und Wanderführern mitwirkt, erzeugt die Hightech-Gesellschaft zugleich den Gegentrend: je künstlicher sie zu werden droht, desto stärker macht sich das Bedürfnis nach Wanderungen, Abenteuer- und Trekking-Touren breit, auffälligerweise derzeit auch unter jungen Erwachsenen. Bei dem, was Deutsche heute für die höchsten Werte halten, rangiert nach „Liebe und Freundschaft“ gleich an zweiter Stelle der Wert „die Natur“ – 90% der Bevölkerung geben an, in Freizeit und Urlaub Natur erleben zu wollen. Der Wunsch nach Ruhe und Stille boomt.

Bisher hat die Forschung die Bedeutung von Natur-Erlebnissen für seelisch-geistiges Wachstum und Stabilität arg vernachlässigt. Die neuen Wissenschaftszweige Natursoziologie und –psychologie liefern entscheidende Argumente, sich auf die biologische Grundbeschaffenheit des Menschen zurückzubesinnen, um der Bedeutung von Natur als Erlebnis- und Erholungsraum wieder besser gerecht zu werden